Ikonen

Die 2011 begonnene Serie Ikonen verlangt eine ausführlichere (Er-)Klärung, da schon ihr Titel nicht eindeutig zu verstehen ist. Worum handelt es sich denn bei einer Ikone?

Inflationär wird dieses Wort im modernen Sprachgebrauch verwandt und es taucht immer dort auf, wo von einer omnirepräsentativen Figur gesprochen wird, einem Symbol, das eine bestimmte Sache nach dem Prinzip pars pro toto verkörpert. Jene Profanisierung steht jedoch in unüberwindbarem Gegensatze zur religiösen Bedeutung der Ikone, die das Wort Gottes abbildet. Und gerade die Wurzel Bild wird dem griechischen Ursprunge εἰκών (eikṓn), das Bild, Abbild, sehr gerecht. Die Ikone im religiösen Sinne ist aber nicht nur die Symbiose aus göttlichem Wort und Bild, sondern gleichsam auch das Ebenbild des Gegenstands. Daher ist der deutsche Begriff Abbild schon wieder irreführend, obschon diese Übersetzung in Wilhelm Gemolls Altgriechischem Wörterbuche von 1908 ebenfalls aufgeführt ist. Das Abbild meint im strengen Sinne, daß der zugrundeliegende Gegenstand auf einer abstrakten Ebene dargestellt wird, während das Ebenbild das Gleiche repräsentiert. Es handelt sich hierbei also um einen schmalen Grat zwischen unverfälschter Wiedergabe und einem gewissen Grade von Abstraktion.

Diese diffizilen Gedankengänge und Unterscheidungs- und Erklärungsmodelle beschäftigten schon die Kirchenväter, aufgrund deren es zu Bilderstreiten und -verboten kam, obgleich es im Grunde genommen nur darum ging, die christliche Wahrheit zu verkünden. Dennoch scheiden sich an dieser Darstellungsform bis heute Ost- und Westkirchen, und es bleibt zu unterstreichen, daß Ikonen nicht mit Heiligenbildern (wie in der römisch-katholischen Kirche allgegenwärtig) gleichzusetzen sind: während Heiligenbilder religiöse Szenen nacherzählen und interpretieren – also abbilden –, verkörpern Ikonen unmittelbar das, was sie zeigen.

Meine Arbeiten zu diesem anspruchsvollen autopoietischem System sind weder dem einen noch dem anderen Komplex zuzuordnen: weder sind sie als Profanisierung oder Entreligiösierung christlicher Symbolik zu verstehen noch maßen sie sich an, der überirdischen Sphäre einer geweihten Ikone nahekommen zu wollen. Sie greifen gewisse Attribute der klassischen byzantinischen Ikonenmalerei auf, legen diesen fast immer existente und tradierte Hagiographien zugrunde und treffen dann brutal auf moderne Darstellungsformen, die durch die Überspannung der Abstraktion dem religiösen Ursprung zur Gänze enthoben werden. Dieses Verfahren dient allerdings in keiner Weise der von modernen Künstlern und „Wissenschaftlern“ unternommenen pseudokritischen „Betrachtung“, nach der christliche Denkvorstellungen und Weltdeutung – die Sicherklärbarmachung – als märchenhafter Schwachsinn und deren Anhänger als oligophrenische Idioten verfemt werden. Viel eher sind diese Darstellungen als Produkte einer jahrtausendelangen Tradition in neuem Lichte zu sehen, wobei es schon ausreicht, jenes aus einer anderen Richtung auf die Bildnisse fallen zu lassen, um einen Perspektivwechsel zu evozieren.

Einerseits liegen den Erzählungen verbriefte Martyrien zugrunde, andererseits erfinde ich aber auch vollkommen neue Bildtypen mit eigenen Attributen wie die Selbstbildnisse darlegen. Hierbei geht es mir nicht darum, mich als Heiligen darzustellen, sondern erzähle ich Geschichtchen, die allerdings in dieser Form keinem schon bestehenden Heiligen zuzuschreiben sind. Darüber hinaus unterzog ich meine Ikonen in den Jahren 2022 und 2023 noch einmal einer großflächigen und akribischen Überarbeitung, wobei die früheren Versionen nicht vollumfänglich getilgt wurden, so daß sich an der Oberfläche immer noch Überbleibsel erkennen lassen. Dieses Vibrieren zwischen Alt und Neu will die konzeptuelle Beschaffung von Ikonen im Hier und Jetzt verdeutlichen, da auch die Bilder nach einer Dekade ihres Bestehens eigene Geschichten erzählen, was man in gewisser Hinsicht wiederum als selbstreferentiell bezeichnen könnte. Noch dazu verweise ich durch das Verfahren der Palimpsestierung metatextuell auf das Wiederverwenden mittelalterlicher Manuskripte, bei denen die Schreiboberfläche abgeschabt und abgewaschen wurde, um sie neu zu beschreiben, wobei die unterhalb liegende Schriftebene allerdings nicht gänzlich getilgt wurde, sondern wieder aus der Tiefe auftauchen konnte.