Das Sprachprojekt Głogolěnьščina

Konzeptuelle Grundlagen, programmatischer Anspruch & funktionale Zielsetzung

Die Głogolěnьščina ist als Kunstprojekt konzipiert und versteht sich ausdrücklich nicht als natürliche, historisch gewachsene Sprache, sondern als Plansprache. Während natürliche Sprachen im Verlauf ihrer Entwicklung häufig zu struktureller Vereinfachung, Analogieausgleich und Reduktion morphologischer Komplexität neigen, verfolgt Głogolěnьščina ein entgegengesetztes Prinzip: gezielte Komplexifizierung. Ihre Aufgabe besteht in der möglichst umfassenden Abbildung und systematischen Ausarbeitung grammatischer Kategorien, insbesondere im Bereich der Flexion, um semantische und syntaktische Präzisierung zu ermöglichen.

Im Zentrum steht die systematische Exploration und Kombination morphologischer Parameter: Kasussysteme, aspektuelle Differenzierungen, derivationelle Nuancen und historisch belegte Nebenformen werden nicht reduziert, sondern produktiv gehalten oder neu funktionalisiert. Die grammatischen Kategorien werden dabei als formal definierbare Merkmalsmengen verstanden, deren Kombinationen in paradigmatischen und syntagmatischen Strukturen maximal ausgeschöpft werden. Ziel ist die Erhöhung der strukturellen Differenzierung und damit eine möglichst präzise semantische Spezifikation. Bei Bedarf werden neue Kategorien, Differenzierungen oder Paradigmata ergänzt. In diesem Sinne ist Głogolěnьščina trotz ihrer konzeptionellen Grundanlage eine dynamische, sich wandelnde Struktur, die – ähnlich einer lebendigen Sprache – kontinuierlicher Erweiterung und innerer Reorganisation unterliegt.

Es existiert eine präskriptive Grammatik, also ein normatives Regelwerk, das verbindliche Formen und Strukturen festlegt. Zugleich erlaubt dieses System jedoch verschiedene Varietäten je nach Sprachregister. Unter „Sprachregister“ wird hierbei die funktionale Stil- und Gebrauchsebene verstanden – etwa ein gehobenes, archaisierendes, liturgisches oder ein reduziertes, alltagssprachliches Register. Je nach kommunikativem Anspruch treten unterschiedliche morphologische und lautliche Merkmale hervor.

Dabei werden bewußt Strukturen integriert, die sowohl synchron als auch diachron in slawischen Sprachen belegt sind. „Synchron“ bezeichnet in der Linguistik die Beschreibung eines Sprachsystems zu einem bestimmten Zeitpunkt, also ohne Berücksichtigung seiner historischen Entwicklung. „Diachron“ hingegen meint die Betrachtung sprachlicher Veränderungsprozesse im zeitlichen Verlauf. Die Sprache kombiniert somit gleichzeitig bestehende (synchrone) und historisch dokumentierte (diachrone) Merkmale des slawischen Sprachraums.

Die Głogolěnьščina ist daher nicht willkürlich konstruiert, ihr Ansatz ist vielmehr observativ, empirisch und deskriptiv: sie greift auf tatsächlich existierende oder historisch belegte Phänomene zurück, systematisiert sie und führt sie in einem neuen, ästhetisch motivierten Gesamtgefüge zusammen. Somit versteht sich die Głogolěnьščina als linguistisches Experimentierfeld, das Komplexität nicht abbaut, sondern intentional kultiviert.

Philologische Motivation und künstlerische Initialphase

Schon früh entwickelte sich bei mir eine ausgeprägte Affinität zu Schriftsystemen und Sprachstrukturen, insbesondere zu jenen des slawischen Sprachraums. Eine besondere Faszination übte dabei das kyrillische Schriftbild aus, das durch das Russische den primären Zugang zur Slavia eröffnete. Später trat jedoch eine weitere sprachliche Orientierung hinzu: die zunehmende Hinwendung zur tschechischen Sprache, durch deren Zugewinnung sich dann eine reziproke Interessenkonstellation zwischen ost- und westslawischer Orientierung formierte – einerseits die visuelle und kulturelle Prägung durch die ostslawisch konnotierte Kyrillica in Anwendung auf das Russische, andererseits die strukturelle und lautliche Nähe zu den westslawischen Idiomen.

Mit der Zeit wuchs der Wunsch, meine philologischen Ambitionen auch in meine künstlerische Praxis einfließen zu lassen. Ab etwa 2010 begann ich daher, sporadisch Wortschöpfungen – zunächst in Form von Überschriften oder Schriftzügen innerhalb von Bildwerken – zu integrieren. Diese frühen Einsprengsel unterlagen jedoch noch keiner konzeptualisierten Systematik, markierten jedoch den Übergang von einer rein visuellen Aneignung hin zu einer strukturell motivierten Sprachkonstruktion.

Eine intensivere Auseinandersetzung setzte erst im Zusammenhang mit den Ikonen ein. In diesem Werkkomplex bot sich die Möglichkeit, nicht nur Kyrillica, sondern auch die historische Azbuka als ästhetisches und semantisches Element einzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt war mir die innere Systematik dieses Schriftsystems allerdings noch mitnichten vertraut; noch weniger verstand ich die zugrundeliegende liturgische Sprachtradition.

Auf Ikonen erscheint in der Regel Kirchenslawisch, die seit dem 11. Jahrhundert überlieferte liturgische Hochsprache der Slavia orthodoxa. Sie entwickelte sich aus dem älteren Altkirchenslawisch, wurde jedoch im Laufe der Jahrhunderte in verschiedenen regionalen Redaktionen (etwa russischer, serbischer oder bulgarischer Prägung) normiert und tradiert.

Kirchenslawisch ist keine gesprochene Volkssprache, sondern eine sakrale Schriftsprache mit konservativer Grammatik und deliberat archaisierendem Charakter, die bis in die Gegenwart hinein als liturgisches und kulturelles Medium Verwendung findet. Im Sinne der Diglossietheorie fungiert sie als High Variety, also als formal übergeordnete, normativ stabilisierte Varietät, die in religiösen, zeremoniellen und repräsentativen Kontexten eingesetzt wird, während die jeweiligen Volkssprachen die Rolle der Low Varieties im alltäglichen Sprachgebrauch übernehmen.

Gerade jene Verbindung aus sakralem Schriftbild, historischer Sprachform und formaler Strenge bildete den Ausgangspunkt für die spätere Entwicklung von Głogolěnьščina als eigenständigem künstlerisch-linguistischem Projekt.

Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit slawischen Sprachen

Nach Abschluß meines Kunststudiums immatrikulierte ich mich an der Humboldt-Universität zu Berlin, um mich systematisch der Slawistik zuzuwenden und die tschechische Sprache auf professionellem Niveau zu erlernen. In diesem akademischen Kontext trat ich erstmals vertieft mit dem Altkirchenslawischen sowie mit historischen Sprachstufen des Slawischen in Berührung. Die diachrone Dimension sprachlicher Entwicklung – insbesondere die Rekonstruktion älterer Laut- und Formenstände – gewann damit für mein weiteres Arbeiten zentrale Bedeutung.

Studienaufenthalte in Prag, Moskau und Lemberg ermöglichten eine fachliche Schwerpunktbildung in den Bereichen Altkirchenslawisch, tschechische Dialektologie und Ukrainistik. In Moskau studierte ich zudem an der Sankt-Tichon-Universität Ikonenschreiberei und setzte mich zeitgleich mit dezidierter Neigung dem Kirchenslawischen auseinander. Diese Verbindung aus Sprachgeschichte, Liturgiesprache und sakraler Bildpraxis vertiefte das Zusammenspiel von Philologie und meiner künstlerischen Arbeit intensiv.

Strukturelle Merkmale und grammatischer Aufbau

Die grammatische Architektur der Głogolěnьščina ist intentional hochdifferenziert angelegt: Ziel ist nicht Reduktion, sondern die systematische Ausweitung formaler Kategorien. Das Sprachsystem verfügt über drei Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum), die nicht nur im Nominal- und Adjektivbereich wirksam sind, sondern auch in der verbalen Flexion grammatisch markiert werden. Dadurch entsteht eine verstärkte Kongruenzstruktur, die syntaktische Relationen explizit abbildet.

Im Bereich des Numerus werden neben Singular und Plural auch Dual, Trial und ein viergliedriger Numerus (Quadral) unterschieden. Der Terminus „Quadral“ ist analogisch gebildet und bezeichnet eine speziell markierte Vierzahlkategorie, welche zumindest in einigen ozeanischen/austronesischen Sprachen existiert. Der Zusammenschluß aller von mir kreierter Numera ermöglicht eine präzisere Quantifizierung.

Das Kasussystem ist stark ausgebaut und umfaßt: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Vokativ, Komitativ, Instruktiv, Lokativ I und II, Ablativ, Illativ, Temporal sowie Abessiv. Diese Vielzahl an Relationen erlaubt eine feingliedrige syntaktische und semantische Differenzierung, die in natürlichen Sprachentwicklungen häufig zugunsten struktureller Vereinfachung reduziert wird.

Darüber hinaus existieren bestimmte und unbestimmte Artikel sowie ein zweiwertiges Aspektsystem im Verbalbereich (perfektiv vs. imperfektiv). Die aspektuelle Opposition bleibt produktiv und wird nicht nivelliert.

Ein zentrales Gestaltungsprinzip ist die weitgehende Vermeidung von Synkretismen. Unter „Synkretismus“ versteht man in der Linguistik den Zusammenfall ursprünglich unterschiedlicher grammatischer Formen in einer identischen Laut- oder Schriftgestalt. Um solche formalen Koinzidenzen möglichst zu minimieren, wird zumindest im Schriftbild darauf geachtet, gleichlautende Endungen graphisch zu differenzieren. Ein historisches Vorbild bietet hierbei das Kirchenslawische, etwa bei maskulinen Adjektiven im Genitiv/Akkusativ der Belebtheit, wo zwischen -агω und -аго unterschieden wird, obwohl beide Formen phonetisch nahezu identisch realisiert werden können.

Die Grammatik der Głogolěnьščina verfolgt somit das Prinzip maximaler formaler Transparenz: grammatische Kategorien sollen nicht implizit bleiben, sondern explizit markiert werden.