Theatrischer Realismus

Der Theatrische Realismus begreift die Welt als permanenten Aufführungsraum, in dem sich gesellschaftliche Ordnungen, ideologische Sedimente und individuelle Rollenbilder in unablässiger Wiederholung (re)inszenieren. Zeit erscheint dabei häufig fragmentiert, filmisch montiert, eingefroren in Momenten maximaler semantischer Dichte. Die Realität manifestiert sich selten als stabile, starre Größe, sondern vielmehr als vielschichtiges Arrangement aus Masken, Kostümen, Requisiten, Bühnenbildern, Symbolen, Metaphern und kulturellen Kodifizierungen, die ich konzeptuell anordne, wodurch sich der Vergleich zur biologischen Mimikry, der „Nachahmung“, ins Bewußtsein schiebt, wobei ich jedoch darauf verweise, daß durch meine Arrangierung nicht die Verfälschung der Realität, sondern deren Exposition, deren Zurschaustellung zum Ausdruck gebracht wird: es ist die Inszenierung, die die Mechanismen der Welt schonungslos wie ein Laientheater offenlegt und sichtbar macht. Innerhalb meiner Panoptika nehme ich selbst die Position des Beobachters und Chronisten ein: emidistanziert (sofern ich mich nicht selbst mitverorte und partizipiere), analytisch, holistisch und synoptisch – und stets von unerschöpflich neugieriger Heuresiophilie (Entdeckungsfreude) sowie Gnosiophilie (Verstehensfreude) beflügelt: stupor mundi = das Staunen der Welt, wobei anhand der grammatischen Struktur des Lateinischen nicht eindeutig erkennbar ist, wer hier über wen staunt: wir über die Welt – oder die Welt über uns.

Meine Malerei fungiert als Protokoll und Kommentar inklusive Glossen zugleich – als visuelle Chronik der „Welt da draußen“, die ich als Plein-Air-Maler unmittelbar erlebe und verinnerliche, doch deren Dar- und Offenlegung in Form kontrollierter Beobachtung sich erst bei langwieriger, akribischer und intensiver Arbeit im Atelier vollzieht. Dort entstehen dann die Bildräume, welche als hochgradig narrative Tableaus angelegt sind, in denen sich Ereignisse, Andeutungen und Neben- und Binnenhandlungen überlagern. Der horror vacui („Angst vor der Lehre“) fungiert dabei als epistemologisches Prinzip: die Überfülle ist kein dekorativer Exzeß, sondern deiktischer Ausdruck einer Welt, die sich jeder Vereinfachung widersetzt. Realismus operiert hier als strategisches Lockmittel – als mimetische Oberfläche, hinter der sich ein dichtes Netz aus Symbolen, ironischen Brechungen und zynischen Kommentaren entfaltet. Das Sichtbare wird zum Träger des Gesagten, ohne sich je in ihm zu erschöpfen. Und was sichtbar ist, obliegt dem Neugierigen, zu entdecken: die Bühne wird zum Festgelände, das Binnenerzählungen auf mehreren Spielplätzen anpreist, was sich auf der Leinwand selbst als mise en abyme („in den Abgrund/die Tiefe setzen“) darstellt. Auf all diesen Bühnen agiere ich simultan als Regisseur und mein innerstes Bestreben dient nicht etwa der moralischen Überhöhung meiner selbst als omniszienter Prophet im Sinne der Genieästhetik, sondern in erster Linie der Kreation eines reichhaltigen semiotischen Instrumentariums, mit dem die Welt veranschaulicht werden soll. Der Panoramablick wird stellenweise fragmentarisch, vielfach (auf)gebrochen – bisweilen makaber – und von einer ungebremsten Brutalität durchzogen, die das Dargestellte nicht sentimentalisiert, sondern seziert und präsentiert: ecce mundus = seht, das ist die Welt!

Schrift und Bildlegenden erweitern die ohnehin schon komplexe, polydimensionale Malerei um eine weitere diskursive Dimension: sie fungieren als paratextuelle Ebenen, die direkter mit dem Betrachter in Kontakt treten und den Anspruch auf Verständigung explizit formulieren. Der Theatrische Realismus ist keine Flucht, sondern Konfrontation: er will interpretiert und verstanden werden; gelesen, aber nicht konsumiert – nicht „getiktokt“ oder „geinstagramt“. Er will den Betrachter innerhalb seiner Weltbühneninszenierung die Rolle des Mitwissers übernehmen lassen. Somit ist der Rezipient eingeladen, den Bildraum zu ergründen, zu untersuchen, um ihn letztendlich auch zu lesen, indem er Zusammenhänge konstruiert und Erkenntnis einfordert – aber vor allem auch, um zu schmunzeln. Meine Arbeiten sollen nicht „bierernst“ begriffen werden, sondern den Rezipienten auf einer intellektuellen Ebene zum Lächeln durch Verständnis animieren, denn so obskur die Welt auch zu sein scheint, der Mensch ist ein homo ridens = ein lachender Mensch.“