Die Dichotomie Rußlands

Aus dem Westen kommend beginnt eine Reise auf die Solovéckie ostrová – kurz Solovkí (deutsch transkribiert Solowki) genannt – meist in St. Petersburg, von wo aus man eine Direktverbindung ans Weiße Meer findet, was einen dem Ziele schon sehr nahebringt. Gehen wir aber von den zwei Rußländern aus, die schon der Dichter und Publizist Vasílij Vasíl'evič Rózanov unterteilte, vollzieht man schon auf der Fahrt vom Ládožskij vokzál in St. Petersburg binnen zehn Minuten eine unvergleichbar große Reise, indem man die Millionenstadt verläßt und in die unendliche Einsamkeit des Russischen Imperiums eindringt.

Rózanov sprach bei diesem Teile Rußlands von der vídimost' – dem sichtbaren, strebsamen, imperialistischen, mitunter absolutistischen, sich auf seine Taten und Daten berufende Rußland – und jenem der mátuška, welches die altehrwürdige und zutiefst gläubige und byzantinisch geprägte Urheimat, die Rus', widerspiegelt. Jene zwei mitunter vollends entgegengesetzten Entitäten verkörpern zugleich auch die Existenz Rußlands, welche dem Neuankömmling oft so unvereinbar erscheint, dem Einheimischen jedoch als systemimmanente Dichotomie, ohne die Rußland schlechthin nicht existieren könnte. Die Frage dabei lautet also nicht, welcher Teil nimmt dem anderen gegenüber einen Vorteil ein, sondern, inwieweit ergänzen sich beide Existenzen.

Die Solowezki-Inseln liegen wie ein Gedanke am Rande der Welt: Stein, Wasser, Wind. Lange bevor Chroniken geschrieben wurden, kamen Menschen hierher: Jäger, Fischer, Seefahrer. Sie hinterließen Steinkreise und Labyrinthe, Spuren eines Weltverständnisses, bei dem der Natur eine Transzendenz innewohnt, durch das sich das Göttliche offenbart. Die Inseln waren nie bequem, nie freundlich – und vielleicht gerade deshalb ein Ort, an dem man suchte, was jenseits des Alltäglichen lag.

Dem 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. werden neolithische Artefakte zugeschrieben, die jedoch im Angesichte der steinernen spiralförmigen Labyrinthe auf der Insel Bol'šój Zájackij, deren Durchmesser bis zu 25 Meter erreicht und zu den bedeutendsten Zeugnissen der Anwesenheit des vorgeschichtlichen Menschen auf den Solowezki-Inseln zählen, verblassen. Für die mittelalterliche, prämonastische Zeit existieren Hinweise auf die Anwesenheit von Samen und Kareliern, darunter eine silberne Fibel aus dem 12. Jahrhundert, die auf der Insel Ánzer gefunden wurde.

Die große Blütezeit des Archipels begann jedoch im 15. Jahrhundert, als Mönche diese Landschaft erschlossen, daraufhin das Solowezki-Kloster erbauten und mit dessen Gründung die Urbarmachung einherging. Mit der mönchischen Besiedlung wurde Einsamkeit zur spirituellen Ressource, das Kloster wuchs, zog Pilger an und mehrte seinen Reichtum und Einfluß. Hinter den mächtigen Mauern verband sich Askese mit Organisation, Gebet mit Arbeit, Gottessuche mit politischer Realität. Solowki war kein weltferner Ort – es war ein Zentrum in der Peripherie.

Doch schon früh mischte sich in die religiöse Bedeutung eine dunklere Funktion. Wer im Zarenreich in Ungnade fiel, wer widersprach oder störte, konnte hierhergeschickt werden. Die Abgeschiedenheit wurde zur Strafe. Besonders sichtbar wurde das im großen Kirchenschisma von 1666/1667, als Reformen des Patriarchen Nikon das Land spalteten. In diesem Zuge ist es unerläßlich, die Bewegung der Altgläubigen (ruß. staroobrjadcy) anzusprechen. Jene sahen in Nikon einen Feind der Orthodoxie – des „wahren Glaubens“ –, der die tradierten Riten durch neue, regräzisierte ersetzt hatte und dadurch die gottgegebene Ordnung entweihte.

Die Unterschiede zum Schisma der Westkirchen – der Reformation – waren bei weitem nicht derart einschneidend und gravierend, so daß es schwer nachzuvollziehen ist, wie aufgrund liturgischer Abläufe, Handzeichen, Schreibweisen eine derart rigorose Verfolgung und Menschenjagd einsetzen konnte. Auch das Kloster widersetzte sich den Neuerungen, wurde belagert, ausgehungert, schließlich gebrochen. Solowki stand damit nicht mehr nur für Glauben, sondern auch für Widerstand – und für dessen Niederschlagung.

Im 20. Jahrhundert verschob sich die Bedeutung endgültig. Nach der Oktoberrevolution wurde das Kloster brutal entweiht und zwangssäkularisiert und in eines der ersten Lager des sowjetischen Repressionssystems umgewandelt. Das Solowezki-Lager gilt als die Blaupause für den späteren entmenschlichenden, menschenfressenden Gulag-Mechanismus, in dessen Zuge der Name Solowki – zuvörderst durch Solženicyns Archipel Gulag – weltweit zu einem Synonym für Zwangsarbeit, Gewalt, Brutalität, Tyrannei, Entwürdigung und schließlich Entmenschlichung wurde.

Intellektuelle, Geistliche, politische Gegner und Zufällige litten hier – in einer Landschaft, die einst als Weg zu Gott gegolten hatte und nun genau das Entgegengesetzte verkörperte: die Hölle auf Erden. Die Mauern blieben dieselben, ihr Sinn war nur vollends sinnlos geworden.

Heute sind die Solowezki-Inseln wieder ein Ort des Gedenkens und der Ambivalenz. Das Kloster existiert erneut, Pilger kommen, ebenso Touristen. Gleichzeitig erinnern Museen, Friedhöfe und stille Orte an das Leid des 20. Jahrhunderts. Solowki ist kein versöhnter Ort. Er trägt seine Schichten offen: Besiedelung, Kloster, Verbannung, Schisma, Gulag, Gegenwart. Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Kraft – daß hier nichts vergessen werden kann, weil alles gleichzeitig spürbar bleibt.

Etymologie von Solovéc

In der onomastischen Forschung des Weißmeerraums wird Solovki ein nichtslawischer Ursprung zugeschrieben. Dafür sprechen die typischen phonologischen Strukturen des Namens und das historische Vorkommen finno-ugrischer Bevölkerungsgruppen in der Region. In der älteren Literatur wird teils eine samische oder karelisch-finnische Herkunft diskutiert, etwa durch Verbindung zu Lexemen für „Insel“ oder „Land im Wasser“. Eine eindeutige, allgemein anerkannte Einzelableitung liegt jedoch nicht vor.

Die aufschlußreichsten komparatistischen Nachweise zum finno-ugrischen Dialektkontinuum finden sich in Matveevs Substrattoponymie des Russischen Nordens (2001), wo es heißt:

Baltisch-finnisch oder samisch; vgl. finn. salo „großer Wald, Taiga“, „bewaldete Insel“, „große Insel“, karelisch-livvisch šalo, salo, lüdisch salo „unzugänglicher Wald“, estn. salu „Wäldchen, Hain; Inselchen im Moor“, „auf einem Moor gelegene Erhebung“ = samisch (Lule) suolō, suolōv, norwegisch suolo, kildinsamisch suel „Insel“ (im norwegisch-samischen und im Lule-Dialekt auch „Inselchen im Moor“, „bewaldete Insel“).

Die Endung -ovo ist auf russischem Boden entstanden (analog zu den Endungen possessiver Adjektive). Dies konnte durch die Beschaffenheit des absoluten Wortausgangs in der Ausgangssprache begünstigt werden (*-ov, *-ow, *-ou u. Ä.). Auffällig sind die Formen Van'gasolo, Kumosolo, die als (verkürzte) Ableitungen von Van'gasolovo, Kumosolovo betrachtet werden könnten. Andererseits besteht auch die Möglichkeit, sie als primär anzusehen (vgl. baltisch-finn. salo).